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MAGAZIN Frontbericht
Lieferverzug
von Daryush Ghassemi am Fr, 19.12.2008 21:44 Uhr


Im Verzug

Gute Mitarbeiter schauen über den Tellerrand und interessieren sich für die Arbeit Ihrer Kollegen.

Deswegen nutzte ich neulich einen unserer ganz seltenen Lieferverzüge, um nach drei Jahren zum ersten Mal den Kollegen vom Einkauf über die Schulter zu schauen.

Dank meiner höflich vorgetragenen Bitte und der argumentativen Unterstützung von Baseballschläger, Schlagring und Kleinkaliber nahmen sich die Kollegen ausführlich Zeit für mein Anliegen, so dass ich meinen Kunden noch am selben Tag zurückrufen konnte …

„Hallo Herr Meier, nochmals vielen Dank für Ihre Bestellung, leider verzögert sich die Auslieferung aufgrund von Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf noch etwas, aber ...“

„Wann bekomme ich nun endlich mein Notebook ?!“

„Freuen Sie sich: Das wird ein Weihnachtsgeschenk!!“

„Wir haben jetzt Oktober. Ich will jetzt ganz genau wissen, warum sich das solange hinzieht, sonst gehe ich zum Verfassungsschutz!“

„Äh, na gut...
Das kann jetzt etwas länger dauern, aber ich fange einfach mal an...

Also, ein Anruf bei unserem zuständigen Key-Account-Betreuer ergab, dass der Liefertermin für unsere Bestellung auf unbestimmte Zeit nach hinten verlegt wurde, natürlich ohne jemanden darüber zu informieren.

Denn sein Vorgesetzter, der Regional Sales Expert, hatte für ein Projektgeschäft klammheimlich alle Waren für sich reserviert.

Der wiederum bekam aber die Ware auch nicht, weil der Divisional Sales Manager für eine Sondervereinbarung mit einer Elektronikkette dringend Ware brauchte.

Der Executive Channel Representative hingegen hatte im Rahmen der Neuausrichtung des strategischen Partnership-Marketings beschlossen, diesmal die selbstständigen Fachhändler als Erste zu beliefern.

Wobei der aber wiederum auch mit leeren Händen dastand, weil auf Ebene der europäischen Board of Directors entschieden wurde, die deutsche Niederlassung diesmal nachrangig mit Ware zu versorgen.
Jedenfalls ...“


Ich wurde unsanft unterbrochen.

„Schluss mit den Geseier, ich will jetzt sofort wissen, wer mein Notebook hat!!!“

„Äh, na ja... niemand hat ihr Notebook. Es sind alle leer ausgegangen. Ihr Notebook wurde erst gar nicht hergestellt. Der Auftragsfertiger hat einfach eine lukrativere Produktion dazwischengeschoben.
Offiziell kam es zu Verzögerungen im Ablauf aufgrund logistischer Unregelmäßigkeiten. Aber im Prinzip weiß jeder, was gemeint ist. Natürlich, ohne es beweisen zu können.“


Es herrschte Stille.
Ein leises Schluchzen war zu hören.
Ich kam mir irgendwie gemein vor.

„Helfen Sie mir... was soll ich jetzt machen...?!?“

„Warten Sie doch noch bis zur Lieferfähigkeit.
Denn dann ist das Ding veraltet, und muss verramscht werden.“





 


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