Das Buch ist ein Ding, das ohne den Geist reines Ding bleibt. Im Labyrinth der uralten Geist-Materie-Debatte gibt es Irr-Wege, die schon vor Jahrhunderten begangen wurden und auf denen heute noch Verirrte wandeln. Zum Beispiel XY (so nennen wir ihn vorläufig). XY sieht nämlich gerade ein, dass es nicht leicht ist, einen Text (Geist) über das Buch als reines Ding zu schreiben. Denn der Geist meint immer, er müsste auf den Geist Rücksicht nehmen...

Bild: Tom Murphy VII
Old book bindings at the Merton College library (GNU-Lizenz für freie
Dokumentation 1.2)
Das Buch ist ein Ding. Es dehnt sich im Raum aus. Es besteht aus Seiten, die aus Papier sind. Auf diesen Seiten befindet sich etwas, das man Schrift nennt. Schrift ist ein Träger des menschlichen Geistes, d.h. die Schrift transportiert (trägt), dank ihren Geist-konservierenden Eigenschaften, den menschlichen Geist durch die Geschichte und formt so die Geschichte. Wer ein Buch beschreibt, ohne auf den Geist einzugehen, der dadurch transportiert wird, beschreibt kein Buch. Also ist das Buch kein reines Ding (Materie), sondern hat auch etwas mit Geist zu tun. Der Reduktionist, der alles auf Materie reduziert, kann ein Buch also eigentlich überhaupt nicht beschreiben. Oder doch?
Angenommen ein Atomkrieg zerstört alles Menschliche - alles bis auf ein Buch. Angenommen, die Außerirdischen, die dieses Buch finden, finden ein Ding und kein Buch, da ihnen Schrift im menschlichen Sinn unbekannt ist. Die einzige Form der Kommunikation, die sie kennen, sei die chemische Analyse: Sie unterhalten sich, indem sie sich gegenseitig chemisch analysieren. Für uns unvorstellbar? Egal... Denn wir sind schon lange ausgestorben. Sie analysieren das menschliche Buch als chemisches Ding. So lernen sie alles über das Buch als chemisches Ding kennen - nur nicht, was es eigentlich ist (bzw. war): Träger des menschlichen Geistes.
Kurzer Blick zurück. Kurz vor dem Atomkrieg bekam Mensch XY ein Ding in die Hand gedrückt, ein Oyo. Oyo, das war nicht der Name jener kleinen grünen Männchen, die in dreitausend Jahren die Überreste der Menschheit analysieren werden, Oyo war ein Buch als reines Ding. Schön, dachte XY, als er das Oyo in der Hand hielt. Das Ding. Das Buch als reines Ding. Mensch XY klopfte auf das Oyo und dachte: Hinten ist es ein wenig hohl. Es scheppert zwar nicht, aber das Kindle hat sich irgendwie hochwertiger angefühlt. Das ist wichtig, dachte Mensch XY, denn ich muss einen Testbericht schreiben. Es hat, dachte XY, ein Touchscreen - das aufgrund der E-Paper-Technik ein wenig langsam reagiert. Wenn man gerade nicht liest, schrieb XY, ist vorne ein lustiges Männchen drauf.
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XY schüttelte das Oyo und dachte: Das ist das Ding, das Ding - ein nettes Ding. XY setzte sich hin und schrieb über das Oyo einen Text (Geist), einen Testbericht. Stellen wir uns vor, in diesem Bericht ging es z.B. darum, dass das Ding, das Oyo, in seinem Inneren, im Inneren des Dings, als Ding im Ding, ein Ding namens Prozessor enthielt und meinetwegen auch etwas, das man seinerzeit Akku nannte, aus dem der Saft kam, damit es nicht verdurstet - oder wie man das damals nannte (der reine Geist schwebt über den Überresten der Erde dreitausend Jahre nach dem totalen Atomkrieg und blickt zurück - als Gedankenspiel jedenfalls). Da Mensch XY Geist hatte, recherchierte er ausführlich im Internet, wo er viele viele Berichte und Informationen über das Oyo fand und er schrieb sich alles, was er wichtig fand, ab und übernahm das Beste davon in seinen Bericht, den er durch die eigene Erfahrung, die er mit dem Oyo machte, ergänzte. Plötzlich schrieb er:
Nun zum Geist. Es steht geschrieben, dass das Oyo ein gutes Ding sei, da uns das Oyo zum Geist führe. Es steht geschrieben, dass das Oyo ein deutscheres Ding als z.B. das Amazon Kindle (nicht zu verwechseln mit dem Münchner Kindl) sei, da uns das Oyo zum deutschen Geist führe: Denn während im Programm von Amazon nur 36.000 deutsche Bücher seien (1), seien im Programm jenes Online-Bücherladens, der das Oyo verkaufe (Thalia.de), über 50.000 deutschsprachige Titel (2), die man, aufgrund des (DRM versehenen) EPub-Formats, zwar auf dem Oyo, (
noch?) nicht jedoch auf dem Kindle lesen könne. 50.000, das ist 14.000 mehr deutscher Geist als 36.000.
Schön und gut: Aber was nützt 14.000 mehr, wenn viele meine Lieblingsbücher und -autoren nicht zu haben sind? Warum fehlen z.B. die Bücher von... (nein, das führt zu weit weg vom reinen Ding: Später bekomme ich wieder zu lesen, dass ich zu viel über Literatur (Geist) schreibe, wo es doch um Technik (Ding) geht).
Deutscher Geist hin, menschliches Ding her, Geist ist eben doch mehr als irgendwelche E-Book-Formate und deren Management, d.h. Vermarktungsstrategien (und also im Grunde willkürliche Selektionsstrategien). Aber in dreitausend Jahren werden wir sehen, wer als letzter lacht... (z.B. über die
Probleme, die man hatte, wenn man ein geschütztes (sogenanntes DRM) E-Buch, das es nur im Format x gibt, ins Format y umwandeln wollte, da man sich aus irgend einem Grund einen E-Book-Reader gekauft hat, der Format x nicht unterstützt usw. Von Geist-Problemen der Art, warum sich vor dreitausend Jahren ausgerechnet das Buch A millionenfach verkaufte, während das Buch B sich kaum verkaufte (und daher nicht lange erhältlich war) und das Buch C überhaupt keinen Verlag fand, da B und C einfach zu gut für diese oberflächliche und geistlose Zeit waren usw. - von solchen Geist-Problemen gar nicht zu reden).
Anmerkungen:
(1) Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Amazon_Kindle, Stand: 25.07.2011
(2) Rößler, M.: E-Book-Reader mit deutschem Bücherladen. In: Chip-Online. Praxis-Test vom 04.11.2010 (http://www.chip.de/artikel/Praxis-Test-Thalia-OYO-E-Book-Reader_45443159.html, Stand 25.07.2011). Diese Zahl ist nicht mehr aktuell. Nach einer neuen Quelle liegt die Zahl bei 80.000 (http://www.golem.de/1108/85561.html,Sand: 9.08.2010). Doch da XY sich mit quantitativen Geist-Problemen dieser Art nur auf ironischer Ebene auseinanderzusetzen scheint, gibt es für ihn auch keinen Grund, lange nach den aktuellsten Zahlen zu suchen. Das "Es steht geschrieben" erinnert wohl nicht ohne Grund an jenen Text, der vom ewigen Geist berichtet.