Der französische Schriftsteller Raymond Roussel schrieb zwischen 1915 und 1928 an einem ca. 50 Seiten langen Text, der zu den komplexesten Texten der Literatur gehört. Es handelt sich um ein in vier Teile unterteiltes Gedicht, das meist nur Insidern bekannt ist und in bestimmten literarischen Kreisen hoch geschätzt wird. Das besondere an diesem Text sind jedoch nicht die lyrischen Qualitäten im herkömmlichen Sinn, sondern der völlig neuartige Umgang mit Parenthesen, d.h. Texteinschüben. Grob könnte man die Form etwa folgendermaßen zusammenfassen: Im ersten Teil der
Nouvelles Impressions d’Afrique kommen sechs ineinander verschachtelte Klammerparenthesen vor – und zwar so, dass eine Art eigenartige Textzwiebel entsteht.
Doch das war noch lange nicht alles. Denn zwischen den Schichten dieser Textzwiebel wuchern ca. sechzig Bindestrichparenthesen - sowie mehrere Fußnoten, die nichts anderes sind als Klammerparenthesen, die Roussel aus Rücksicht (!) auf den Leser (1) zu Fußnoten gemacht hat. Im zweiten Teil kommen zehn ineinander verschachtelte Klammerparenthesen, über hundert Bindestrichparenthesen und zwei Fußnoten vor; im dritten dreizehn verschachtelte Klammerparenthesen, über zwanzig Bindestrichparenthesen und zwei lange Fußnoten; im letzten Teil elf verschachtelte Klammerparenthesen, über zehn Bindestrichparenthesen und sechs Fußnoten.
Keine Parenthese öffnet sich jedoch im Wortinnern! Roussel hatte es nie nötig, irgend etwas zu übertreiben. Neben den schrägen Werken der Dadaisten muteten seine im Grunde noch extremeren Werke damals schon wie Klassiker an. So finden sich fast selbstverständlich zwischen den "Gesängen" Bild-Parenthesen. Denn Roussel beauftragte einen Zeichner, nach seinen Anweisungen Zeichnungen anzufertigen. In der Erstausgabe fehlen die Anweisungen. Michel Leiris hat sie 1939 veröffentlicht, so dass es nun möglich ist, die Zeichnungen als Parenthesen zu den "Anweisungen" zu betrachten (oder umgekehrt). Als Roussel mit den
Nouvelles Impressions d’Afrique anfing, war er 38, als er fertig war 51. 1932 hörte Roussel völlig zu schreiben auf und verlegte sich aufs Schachspielen und Schlaftablettennehmen. 1932 erschien
Nouvelles Impressions d’Afrique. Ohne Erfolg.
Roussels Werk war immer schon deterritorialisierend. Wer einen Amazon Kindle der neuen Generation mit 3G-Modul hat, kann sein Werk nun aus dem Äther abrufen. Natürlich kann man es auch speichern - Platz ist genügend vorhanden (für bis zu 3500 Bücher sollen nach den Angaben von Amazon auf dem 4 GB großen Speicher Platz finden). Möglicherweise hätte Roussel seine Freude an dieser Lesemaschine gehabt. Denn Roussel ist der Erfinder einer
Lesemaschine. Allerdings einer kurbelbetriebenen Lesemaschine, die er als Lesehilfe für seinen verschachtelten Text entwickelte. Doch zu Roussels Lebzeiten interessierte sich niemand für Lesemaschinen. Man hielt Roussel für verrückt...
Die Zeiten haben sich geändert.
Vergleicht man Roussels Lesemaschine jedoch mit einem E-Book-Reader, dann sieht man, dass es wenig Gemeinsamkeiten gibt. Während Roussel versuchte, den extrem komplexen Text durch eine Maschine lesbarer zu machen, wird sein Text durch einen E-Book-Reader noch viel unübersichtlicher und daher unlesbarer als er es schon als Buch ist.
Doch das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, der Dadaist würde darin eher einen Vorteil sehen.
In einem Aufsatz aus dem Jahr 1935 berichtet Michel Leiris, Roussel habe eines Tages lachend zu ihm gesagt: „Es heißt, ich sei Dadaist, dabei weiß ich nicht einmal, was Dadaismus ist!“ (Grössel 1977, S. 155).
Es ist Nacht. Ich lese Roussels
Neue Eindrücke. Außer der ausziehbaren Beleuchtung der eleganten Kindle-Hülle leuchtet kein Licht im Raum. Das würde die Stimmung zerstören. Fasziniert blättere ich Seite um Seite um und grabe mich durch die Parenthesenschichten zum Mittelpunkt des Textes, zum Mittelpunkt der Roussel-Welt. Roussel schrieb keinen Satz ohne Grund und wenn Roussel in seiner Autobiographie, in der es immer nur um seine Texte und nie um ihn (den Meister des Distanz) geht, davon spricht, dass sein Lieblingsbuch die
Reise zum Mittelpunkt der Erde (Grössel 1977, S. 90) ist, dann hat das seinen Grund. Im zweiten Leseversuch fange ich am Ende des Textes an und grabe mich Schicht für Schicht in die Tiefe - zum Mittelpunkt einer unterirdischen, zwischenparenthesischen Welt. Und was mir dabei begegnet, ist unbeschreiblich.
Dieser Text, dieser einsame Monolith der Literatur, hat alles überstanden, was nach ihm kam. Nun lebt die kühle Maschinenwelt Roussels weiter in einer anderen Maschinenwelt - die dem Text ebenso wenig anhaben kann wie alle Transformationen zuvor.
Während mir seltsam zwischen Parenthesen und brennenden Häusern nah am Mittelpunkt der Erde gefangene Riesen begegnen, denke ich darüber nach, was ich morgen im Testbericht schreiben werde - mir fällt etwas in der Art ein, dass man eine gute Lesemaschine kaum wahrnimmt: Sie verschwindet vollständig hinter dem Text. Der Übergang vom Lesen in den Traum war gleitend: Ich träumte von eigenartigen Traummaschinen. Diese Lesemaschine liest sich, als ob man träumt - was will man mehr? Oder liegt es nur am Text? Man darf nicht vergessen, dass Roussels Texte auch auf Papier unvergleichliche Werke sind.
Es gibt viele Möglichkeiten, Roussels Text zu lesen und möglicherweise ist keine besser als die andere. Roussels Werk hat viele Eingänge. Finde jeder den für ihn besten (3).
Anmerkungen:
(1) man will den Leser ja schließlich nicht überfordern
(2) Roussels epochales Werk ist nun als zweisprachige (französisch-englische) Amazon Kindle-Ausgabe erhältlich; engl. von Mark Ford
(3) Auf der gallica.bnf.fr-Seite der
französischen Nationalbibliothek können Roussels Werke kostenlos betrachtet werden. An guten deutschen Bibliotheken kann man sich die deutsch-französische Ausgabe mit der Übersetzung des Roussel-Experten Hanns Grössel ausleihen (1980). In dieser Ausgabe befinden sich neben den Bildern auch Roussels Anweisungen.
Literatur:
Grössel, H. (Hg.): Raymond Roussel. Eine Dokumentation. München. 1977.
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